TuSch-Deutschunterricht

Werther! am 17. Januar 2013 im Thalia in der Gaußstraße mit dem Jahrgang 11

25 Januar 2013

„Bestimmt wird’s voll langweilig…“, so ungefähr war unsere Erwartung zu dem Stück. Sitzend in der U-Bahn grübelten wir über die Aufführung, die uns erwarten würde. Den Lichtblick aus Goethes trüber Dichtung erwartend, hofften wir auf eine moderne Neuinszenierung des Werkes „Die Leiden des jungen Werther“, die sich nah am Buch halten würde. Somit gingen wir voll Zuversicht zum Theater.

„Werther!“ – Eine Rezension

Kurz vor sieben: Schüler betreten den Raum. An die Wand wird bereits die Reclam-Ausgabe des Werthers projiziert. Als nun Philipp Hochmair die Bühne betritt und beginnt, aus Goethes Werk zu lesen, wird nur aus Höflichkeit ein Stöhnen unterdrückt. Doch die folgende Stunde zieht alle Anwesenden, Lehrer wie Schüler in ihren Bann: Hochmair wirft Salat ins Publikum, fällt aus seiner Rolle, verlässt wiederholt das Theater, versinkt in Niveaulosigkeit … Das Stück „Werther!“ von Regisseur Nicolas Stehmann wurde fast 1200 mal gespielt und eröffnet den Zuschauern immer wieder eine vollkommen neue Möglichkeit, „Die Leiden des jungen Werther“ neu zu verstehen.

Modernisiert durch Medienunterstützung

Besonders gelungen ist die Umsetzung des Klassikers Werthers zu einem Stück, das auch junge Zuschauer anspricht. Die Medienunterstützung spielt dabei eine große Rolle; Hochmair benutzt moderne Musikstücke, um Werthers Gefühle auszudrücken. Das Lied „Perfect day“ von Lou Reed wird zum Beispiel genutzt, um die Liebe zu Lotte nach dem ersten Treffen widerzuspiegeln. Mit einer Videokamera filmt er sich selbst und projiziert das Bild auf eine überdimensionale Leinwand. Damit wird auf subtile Weise Werthers Narzissmus dargestellt. Am Ende des Theaterstücks knallt ein Mikrofon auf Hochmairs Kopf und Werther stirbt.

Sehr gute schauspielerische Leistung

Hochmair brilliert trotz oder gerade wegen des kargen Bühnenbildes und zunächst weniger Requisiten. Mit zunehmender Komplexität von Werthers Gefühlsleben setzt Hochmair dann eine Fülle von Gegenständen ein, um diese zu untermalen. Die sehr begrenzt scheinenden Möglichkeiten des Bühnenbilds wurden mit Vorhang und Lifecam voll ausgeschöpft und stets passend verwendet.
Von Zeit zu Zeit wirkte der Text jedoch etwas lustlos vorgetragen, was allerdings aufgrund der starken Emotionen an anderer Stelle nicht störte.

Dreiecksbeziehung undeutlich

Die Dreiecksbeziehung zwischen Werther, Lotte, Albert wurde leider in dem Stück nur undeutlich dargestellt. Das resultierte aus dem Fakt, dass die zweite Hälfte, in der Werthers Verzweiflung über die Liebe zu der verlobten Lotte deutlich werden sollte, hektisch und stark dynamisiert und verkürzt inszeniert wurde. Das ließ einen die Gefühle zwar besser nachvollziehen, wenn man das Buch kannte, aber es könnte bei der unvorbereiteten Betrachtung Informationen fehlen: Für einen Werther-Neuling ist das Werk zwar verständlich, auch kommen alle wichtigen Szenen vor. Allerdings ist z. B. der 2. Teil relativ kurz gehalten, einige den inneren Absturz verdeutlichenden Szenen wurden ausgelassen und bei anderen Szenen bleibt es eher unverständlich, warum sie auftauchen. Somit sind nicht unbedingt alle Aspekte des Stückes verständlich, ohne das Buch gelesen zu haben.

Provokant

Das Stück erweist sich insgesamt in großen Teilen als sehr provokant. So tritt Hochmair gegen Ende des ersten Teils fast aus der Rolle, nach der Ankündigung, Wahlheim verlassen zu wollen, verlässt der Schauspieler den Saal mit dem Ausruf „Viel Glück beim Abitur, gleich gibt’s noch eine Nachbesprechung.“ An dieser Stelle dachten die weniger mit dem Buch vertrauten Herrschaften an ein Ende des Stücks. Für den Rest des Publikums wird das Stück hier ungemein aufgepeppt.
An verschiedenen anderen Stellen wird das Publikum direkt einbezogen, so fragt Hochmair die Zuschauer, wer Albert sei oder er wirft aus Frust Salatstücke auf die erstaunten Zuschauer.
Dass das Stück einerseits aufgelockerter und verjüngt ist, wirkt teilweise wie eine Verballhornung und lässt das Stück wie eine viel zu übertriebende Darstellung des Buches aussehen.
Es ist gewiss, dass dieses Stück ein komplett neues Bild vom Werther bietet. Ob der eine oder andere Flachwitz dabei nötig ist, muss jeder selbst entscheiden.

Resumée

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Philipp „Werther!“ uns an diesem eine interessante und spannende Interpretation des „Werther“ geboten hat, die uns einen neuen Blick auf dieses große Werk ermöglichte.
Leider war dann das Nachgespräch weniger erfreulich: Anscheinend war Philipp Hochmair zu erschöpft oder schlicht nicht dazu bereit, ernsthaft auf Fragen einzugehen und gab einige entweder an die Fragenden zurück oder ließ die anwesende Theaterpädagogin an seiner Stelle antworten. Dies ließ einen recht arroganten Eindruck aufkommen.